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Die Weiße Ratte

(ein französisches Volksmärchen aus der Auvergne by Henri Pourrat)

Adaptation by Stefan Höppe

Es war einmal ein König am anderen Ende der Welt, der war verheiratet, aber kinderlos. Er und seine Frau, die Königin, schlossen – in Ermangelung eigener Kinder – eine kleine, weiße, weibliche Ratte in ihr Herz, die hatte leuchtende rosa Äuglein und eine lange, zuckende, schnurrbärtige Spitznase. Diese weiße Rättin mußte wahrhaft ein wundersames Tier sein! Denn hörte man das Königspaar von ihr sprechen, so gewann man den gleich den Eindruck, dass  kein anderes Lebewesen im ganzen Königreich und in allen Königreichen der Welt ihr an Herzensgüte, Temperament und Anmut gleichkam. So sehr liebte das Königspaar die kleine weiße Ratte, dass beide sich an die Feenkönigin wandten und sie flehentlich darum baten, die weiße Ratte doch in eine Prinzessin mit Menschengestalt zu verwandeln.

Unter Feen, Königen und Adligen gehörten gegenseitige Gunsterweisungen zum guten Ton, und so fühlte sich die Feenkönigin dazu verpflichtet, der Bitte nachzukommen, und stimmte zu.

Gewöhnlich pflegten Feenköniginnen die Söhne und Töchter von Königen in blaue Vögel zu verwandeln, ja selbst in gefiederte Fabelwesen. Doch um wieviel edler und raffinierter war das Wunder, das die Feenkönigin diesmal vollbracht hatte: eine weiße Ratte, aber gekleidet in die Gestalt einer Prinzessin, einer Prinzessin noch dazu von solcher Grazie und Schönheit! Die Farbe der Augen freilich hatte einen leichten Rosastich, das niedliche Gesicht lief ein wenig spitz zu, und um die Nasenspitze herum lag immer der Anflug eines leichten Zuckens.

Allerdings tuschelten die vornehmen, adligen Leute des Königsreichs hinter vorgehaltener Hand. Sie sagten – nicht zu laut freilich, aus Angst vor des Königs Spionen -, sie sagten, dass aus einer Hündin nie eine fesche Miezekatze werde, dass ein Möbelstück aus Kiefernholz immer an die Kiefer zurückdenke, aus der es gemacht wurde; und der Volksmund weiß seit jeher, dass niemand die Prägung durch seine Herkunft abschütteln kann. Die Gestalt mag sich ändern, doch in den Adern fließt immer noch das gleiche Blut.

Es kam der Tag, da begann den König – wie alle Könige irgendwann – die Frage umzutreiben: Welcher Mann der vornehmen, adligen Gesellschaft ist würdig genug, meine Tochter zu ehelichen?

“Du wirst bald verheiratet werden müssen, meine Kleine, Herzallerliebste! Sag mir, ob du das willst!”

“Gerne will ich das, Vater. Doch wen hast Du mir zum Ehemann auserkoren?”

“Wen immer Du willst, mein Töchterchen, wen immer Du willst.”

“Ich möchte den mächtigsten Ehemann der Welt, denjenigen, dessen Macht sich auf alles Sein in dieser Welt erstreckt.”

So also sprach sie.

Der König dachte angestrengt nach, drei Tage lang. Nach Ablauf dieser drei Tage kam er zu dem Schluss: Dasjenige Wesen in dieser Welt, dem die größte Macht zukommt, ist die Sonne. Die Sonne vertreibt den Winter, die Kälte und die Nacht. Sie bringt die Gräser zum Gedeihen, die Blätter, die Früchte und das Korn; sie bringt all das hervor, dessen die Tiere zu ihrer Selbsterhaltung bedürfen. Alles, was lebt, empfängt sein Leben letztlich von der Sonne.

Der König begab sich zu seiner Tochter und tat ihr kund, dass er die Sonne darum bitten wolle, um ihre Hand anzuhalten.

Die Prinzessin verzog verächtlich ihr Gesicht.

“Die Sonne?! Keineswegs verdient sie, das mächtigste Wesen in dieser Welt genannt zu werden.  Es bedarf einer einzigen Wolke, um die Sonne zum Verschwinden zu bringen. Sobald sich Wolkenberge auftürmen, liegt sie begraben hinter einer undurchdringlichen Maske, und nicht ein Strahl bleibt von ihr übrig. Gleiches bewirkt der Nebel, der aufsteigt, gleiches der sich ausweitende Schatten. Vater, ich will einen mächtigeren Gemahl haben als nur die Sonne.”

Der König zog sich zurück und dachte angestrengt nach, drei Tage lang. Dann begab er sich wieder zu seiner Tochter und tat ihr kund, er wolle die Wolken bitten, um ihre Hand anzuhalten.  Die Wolken nehmen den Raum in Besitz und bedecken das Königreich.

Die Prinzessin verzog verächtlich das Gesicht.

“Die Wolken? Es braucht bloß ein Wind aufzukommen. Der Wind stößt die Wolken beiseite, schlägt sie in Fetzen auseinander, vertreibt sie und löst sie in Nichts auf, verbannt sie weit fort in die entferntesten Tiefen des Himmels. Vater, ich will einen mächtigeren Gemahl haben als nur die Wolken.”

Der König zog sich zurück und dachte angestrengt nach, drei Tage lang. Dann begab er sich wieder zu seiner Tochter und tat ihr kund, er wolle den Wind bitten, um ihre Hand anzuhalten. Der Wind duldet niemanden vor sich; selbst das Meer jagt er zornig vor sich her.”

Die Tochter verzog verächtlich das Gesicht.

“Der Wind?! Man entgeht schnell und mühelos der Macht des Windes. Es reicht aus, sich in den Schutz einer Mauer zu begeben oder in den Windschatten eines Berges. Wenn der Wind auch den Nussbaum beugt oder die Eiche entwurzelt, so vermag er doch nichts gegen den Berg und dessen Masse aus Erde und Gestein. Vater, ich will einen mächtigeren Gemahl haben als nur den Wind.”

Der König zog sich zurück und dachte angestrengt nach, drei Tage lang. Dann begab er sich wieder zu seiner Tochter und tat ihr kund, er wolle den Berg bitten, um ihre Hand anzuhalten.  Der Berg trotzt dem Sturm und lässt sich selbst vom Blitz, der einschlägt, nicht erschüttern.

Die Tochter verzog verächtlich das Gesicht.

“Der Berg?! Es gibt ein Wesen, das ist viel mächtiger als der Berg, jenes Wesen nämlich, das ihn von innen langsam aufzehrt, das ihn mit Zähnen, die lebhafter arbeiten als eine Nadel, zernagt, ihn mit unterirdischen Gängen durchzieht und ihn bewohnt wie ein Stück Käse, um sich aus ihm lustvoll einen gewaltigen Palast zu errichten. Jenes Wesen – besser als die Sonne, besser als die Wolken, besser als der Wind, ja selbst dem Berg haushoch überlegen – ist die den Berg zernagende Ratte. Es ist das Rättchen mit seinen spitzen Zähnen, so liebreizend, so mutig, das Wunderwerk aller Wunderwerke, und viel mächtiger als alles, was man sich in dieser niederen  Welt vorzustellen vermag. Einzig die Ratte ist meiner würdig. Damit ist alles gesagt.”

Genau das waren ihre Worte.

Die Prinzessin hatte ihre Wahl getroffen, und so stark war ihr Begehren, dass König und Königin ausschickten, nach der Feenkönigen zu suchen. Auf Knien erflehte das Königspaar von der Feenkönigin, sie möge die Prinzessin in eine weiße Ratte zurückverwandeln. Und dies tat die Feenkönigin dann auch mit ihrem Zauberstab.

So heiratete schließlich die weiße weibliche Ratte eine männliche Ratte mit kahlem Fell, deren  Schwanz war einen Fuß lang.

Und der Hahn krähte, und damit endet auch unsere Erzählung.